„Technische Berufe haben kein Attraktivitätsproblem, sondern ein Sichtbarkeitsproblem – daran arbeite ich.“ Das Zitat stammt von MINT-Botschafterin Julia S., Referentin bei Diehl Defence in Nonnweiler. Sie erzählt uns im Interview mehr über ihre Motivation, sich ehrenamtlich für MINT einzubringen. Auch Sie können Teil des MINT-Botschafternetzwerks werden.
Warum engagieren Sie sich als MINT-Botschafterin?
Weil mein eigener Weg genau andersherum verlief, als man es erwarten würde. Ich habe zuerst Kunstgeschichte und Kunstpädagogik studiert – und danach eine Schreinerlehre gemacht. Anschließend war ich mit »on tour. fürs handwerk.« mit einer mobilen Werkstatt quer durch Deutschland unterwegs: 120 Schulen mit Workshops in Kleingruppen von maximal 15 Jugendlichen, dazu Ausbildungsmessen und Berufsschulen, auf denen ich mit CNC- und Lasertechnologie gearbeitet habe. Insgesamt habe ich in dieser Zeit über 2.000 junge Menschen erreicht.
Diese Zeit hat mir zwei Dinge beigebracht. Erstens: Ein Studium ist kein Zielpunkt, und eine Ausbildung ist kein Plan B. Ich habe beides gemacht, in der ungewöhnlichen Reihenfolge, und würde es wieder so tun. Zweitens: Der Zugang zu technischen und handwerklichen Berufen entsteht nicht über Zahlen und Argumente, sondern über das Leuchten in den Augen, wenn etwas mit den eigenen Händen fertig geworden ist. Das habe ich hundertfach gesehen.
Viele Jugendliche entscheiden sich gegen technische Berufe, bevor sie überhaupt eine Werkstatt von innen gesehen haben. Sie haben kein falsches Bild von MINT – sie haben gar keines. Als MINT-Botschafterin will ich dafür sorgen, dass junge Menschen wenigstens einmal erlebt haben, wie es sich anfühlt, etwas selbst zu bauen oder zum Laufen zu bringen. Was sie danach daraus machen, ist ihre Entscheidung – aber sie sollen sie informiert treffen können.
Wie schafft man es, mehr junge Menschen für mathematische – naturwissenschaftliche – technische Berufe zu begeistern?
Erleben statt erzählen. Ein Vortrag über Ausbildungsberufe bleibt niemandem im Kopf – das Bauteil, das man selbst gefertigt hat und mit nach Hause nimmt, schon.
Drei Punkte sind für mich entscheidend:
Anfassen lassen. Bei unseren Experience Days holen wir ganze Schulklassen ins Werk. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer fertigt am Ende ein eigenes kleines Werkstück. Dieses Erfolgserlebnis ist der eigentliche Berufsorientierungsmoment.
Neue Technologie ernsthaft einsetzen, nicht als Deko. Wir arbeiten seit diesem Jahr mit VR-Brillen in Ausbildung, Schulbesuchen und auf Messen. VR erlaubt fehlerfreies Üben ohne Materialverbrauch – und es senkt die Hemmschwelle enorm. Wer sich nicht traut zu fragen, traut sich meistens trotzdem, eine Brille aufzusetzen.
Die Eltern mitdenken. Berufswahl passiert am Küchentisch, nicht in der Berufsberatung. Deshalb haben wir mit unserer Partnerschule das Format „Main Character Day“ entwickelt: Schülerinnen und Schüler erkunden zusammen mit ihren Eltern an einem Nachmittag mehrere Betriebe der Region. Wenn Eltern sehen, wie modern technische Ausbildung heute ist, verändert das die Gespräche zu Hause.
Und wir müssen aufhören, MINT ausschließlich über Leistung zu erklären. Technische Berufe brauchen genauso Teamfähigkeit, Kommunikation und Gestaltungswillen. In meinen Workshops sehe ich regelmäßig, dass Jugendliche, die sich selbst nie als „technisch“ beschrieben hätten, plötzlich diejenigen sind, die eine Gruppe zusammenhalten oder die beste Lösung finden. Diesen Zugang zu öffnen ist oft wirkungsvoller als jeder Berufswahltest.
Was sind die Schwerpunkte Ihres persönlichen MINT-Engagements?
Mein Schwerpunkt liegt an der Schnittstelle Schule – Betrieb im ländlichen Raum, konkret im St. Wendeler Land.
Dazu gehören Schulkooperationen und Übergangskonferenzen, bei denen es darum geht, Lehrkräften brauchbare Werkzeuge für die Berufsorientierung an die Hand zu geben. Dazu gehören eigene Erlebnisformate wie die Experience Days und der Main Character Day, die ich mit Partnerbetrieben und Schulen aufbaue und die dauerhaft verankert werden sollen.
Ein zweiter Schwerpunkt ist der Einsatz digitaler Technologien in der Berufsorientierung – VR und Simulatoren, damit Jugendliche Berufe ausprobieren können, statt nur Broschüren zu lesen.
Mein Engagement hat dabei nicht erst bei Diehl Defence begonnen. Schon mit »on tour. fürs handwerk.« ging es mir darum, jungen Menschen zu zeigen, dass handwerkliche und technische Berufe heute digital sind – deshalb hatte ich CNC-Fräse und Lasertechnik im Gepäck. Diese Linie setze ich heute mit VR und Simulatoren im Ausbildungszentrum fort.
Und schließlich Kommunikation: Ich verantworte Social Media und Ausbildungsmarketing und versuche, technische Ausbildung dort sichtbar zu machen, wo junge Menschen tatsächlich unterwegs sind. Sichtbarkeit ist der eigentliche Hebel – daran arbeite ich jeden Tag.
Liebe Julia, danke für das schöne Gespräch.

Gehören Sie zu den Menschen, die Erfahrungen in MINT gemacht haben oder aktuell spannende Fragestellungen bearbeiten? Sind Sie bereit, diese Erfahrungen jungen Menschen zur Verfügung zu stellen, sie mit Ihren Entwicklungen zu begeistern? Werden Sie Teil des MINT-Botschafternetzwerks, helfen Sie jungen Menschen, sich für MINT zu entscheiden, als MINT-Botschafter*in.
