MINT Zukunft schaffen!

Erfahrungsbericht: Tim Steiner, Duke Kunshan University

Unser MINT-Jugendbotschafter Tim Steiner befindet sich aktuell im Rahmen seines Studiums an der Duke Kunshan University unweit von Shanghai. Es handelt sich dabei um eine Kooperationsuni zwischen der US-amerikanischen Duke University und der chinesischen Wuhan University. Sein Studienschwerpunkt liegt dabei auf den Neurowissenschaften. Dem Thema MINT wird an der DKU besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Tim hat für uns eine Reportage zu seinen Erfahrungen in China verfasst und stellt seine internationale Perspektive auf MINT dar. Hier können Sie seine Erfahrungen lesen.

Ein Bericht von Tim Steiner:

Studium und China? Vermutlich hört sich das im ersten Moment nach einer ungewöhnlichen Kombination an. Schließlich es ist doch aber gerade das Ungewöhnliche, das die Neugierde immer wieder aufs Neue entfacht. Deshalb begann ich infolge meiner Ernennung zum MINT-Jugendbotschafter in diesem Jahr ein Bachelor-Studium an der Duke Kunshan University (DKU). Der etwa einhundert Kilometer von Shanghai entfernte Campus ist ein Kooperationsprojekt zwischen der chinesischen Wuhan University und der US-amerikanischen Duke University. Es handelt sich bei der DKU um eine noch sehr junge Institution, deren erster Jahrgang 2022 seinen Abschluss erhielt. Von knapp 10.000 BewerberInnen wurden in diesem Jahr 500 StudentInnen aus mehr als 30 Nationen zur Class of 2028 aufgenommen. Darunter befinde auch ich mich; als aktuell einziger deutscher Student.

Es ist erklärte Zielsetzung der DKU, eine global Community aufzubauen, die sich einem aktiven Dienst an der Gesellschaft verschreibt. Auf dem Campus gibt es dazu mannigfaltige Teilhabemöglichkeiten an multikultureller Interaktion, kritischem Denken und dem Training in Führungsqualitäten. Ebenso vielfältig wie die Studentenschaft ist insbesondere auch die Profilierung von MINT im Curriculum der DKU: Neben facettenreichen Modulen von Artificial Intelligence bis hin zur Umweltchemie wird auch studentische Eigeninitiative in Sachen Projektarbeit gefördert. Wissen nicht als Summe gelernter Informationen aufzufassen, sondern als Befähigung zur praktischen Lösungskompetenz, ist eine Mentalität, die in schulischer MINT-Bildung frühestmöglich zementiert werden muss.

Sämtliche Studiengänge der DKU sind nach dem Vorbild der liberal arts and sciences, und damit von Grund auf interdisziplinär gestaltet: Persönlich fokussiere ich mich hier auf die Neurowissenschaften, vor dem Hintergrund, die kognitiven Funktionsweisen des menschlichen Gehirns zu verstehen. Zu meinen Kursen zählen dabei aber nicht nur klassischerweise Biologie, Physik und Chemie – sondern gleichermaßen auch
Politik, Ethik und Philosophie. In meinen Augen ist es ausgesprochen bereichernd, den eigenen Fokus nicht ausschließlich auf einen einzigen Fachbereich zu beschränken. Sich hingegen durch verschiedene Disziplinen einen breitbandigen Wissenshorizont zu eröffnen, erlaubt es, Problemstellungen aus multiplen Perspektiven zu betrachten.

Schließlich ist es doch eben dieses Zusammenspiel sich ergänzender Kompetenzen, das MINT aus seiner akademischen Abstraktheit in den gesellschaftlichen Kontext übersetzen kann. Um die große Herausforderungen unserer Zeit, man denke allen voran an den Klimawandel, zielführend gesellschaftlich kommunizieren zu können, bedarf es nicht rein wissenschaftlicher Diskussion: Gleichermaßen sind die Perspektive aus Wirtschaft und Politik integrale Kommunikationsaspekte, um Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit zu adressieren. Sich ein interdisziplinäres Profil anzueignen ist somit eine Bestrebung, die möglichst frühzeitig in der Bildungsbiografie von SchülerInnen verankert sein sollte.

Meine bisherigen Erfahrungen in China kristallisieren heraus, von welch kolossalem Innovationsmotor sich dieses Land angetrieben sieht. Sei es die rapide Digitalisierung des Alltags oder eine ungebremste Elektrifizierung der Mobilität – China ist zum Symbolbild immenser Fortschrittskraft geworden. Es ist eine Mentalität, die MINT weniger als akademische Fachrichtung, sondern als praxisbasierte Schlüsselkompetenz
eines unermüdlichen Modernisierungswillens begreift. In anderen Worten: Die wahre Bedeutsamkeit von MINT wird erst dann wirklich sichtbar, wenn es in der Alltagsanwendung erlebt wird. Im Hinblick auf deutsche Schulen, wäre es daher zielführend, MINT nicht als bloßen Fächerverbund zu verstehen, der bloß im Klassenzimmer stattfindet. Hingegen sollten Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik als Gestaltungsinstrumente einer zukunftsgewandten Gesellschaft praktiziert werden.

Auf diese Weise ebnet MINT-Bildung gerade für Heranwachsende auch einen Weg, sich als global Citizens wahrzunehmen. Die Schulen sollten SchülerInnen dabei folgende Aspekte vermitteln: Erstens, die großen Probleme unserer Zeit betreffen die Menschen global. Zweitens, MINT ist nicht nur Hoffnungsträger zur Lösung dieser Probleme, sondern auch der Appell an internationale und interkulturelle Kooperation. Denn nur globale Zusammenarbeit lässt uns globale Herausforderungen bewältigen. Eine Tatsache, die für die jungen Generationen existenzieller ist denn je.

Zwischen meiner deutschen Heimat und meinem chinesischen Studienort liegen etwa 8.957 Kilometer. Doch so groß diese Entfernung und so unterschiedlich die Kulturen auch sein mögen – die Bedeutsamkeit von MINT ist für beide Gesellschaften ein und dieselbe. MINT nicht nur der Pfad in eine fortschrittliche Zukunft, sondern auch die Verheißung einer globalen Innovationsgemeinschaft von morgen. Nach meiner Ansicht muss dieses Bewusstsein in der schulischen MINT-Bildung forciert werden. Deshalb möchte ich mit den Worten von François Rabelais verbleiben: „Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt, sondern wie Fackeln entzündet werden.“

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